Deutschrap & Ich. Beziehungsstatus: schwierig.

DIGGEDIDOPE FB YAP.

Deutschrap. Ach, hab ich ihn geliebt. Einst. Ich stelle mir manchmal die Frage: hat sich die deutschsprachige »Gossenmusik« so sehr gewandelt oder ist es meine Wahrnehmung, die sich um 180°gedreht hat? Kaum zu beantworten. Im Moment führe ich eine schwere Ehekrise mit dem Genre, für das ich einst Sonntags um 6 Uhr aufgestanden wäre, um ihm extra frische Croissants aus einem »french-ass restaurant« zu besorgen und diese dann höchst liebevoll auf einem Tablett, angereicht mit frischem Kaffee, ans Bett zu bringen. Heutzutage ignoriere ich die verzweifelten Anrufe Deutschraps und drücke sie lieblos weg, während ich mich mit anderen Genres vergnüge und nicht mal einen Funken von schlechtem Gewissen verspüre. Und warum? Weil Deutschrap langweilig geworden ist, man sich auseinanderlebte. Ich hab‘ die Schnauze voll von VBT-Rappern, die plötzlich Top 10 charten, ohne auch nur ein gehaltvolles Lied in ihrem Leben gemacht zu haben. »Nice so wie nice sagen« – irgendein Trollrapper, der neuerdings bei Baba Saads lumpigem Indielabel Halunkenbande gesignt ist, hatte ungelogen einen Song auf seinem – nennen wir es »Album«, auf welchem er aufzählte, was denn alles nice sei. »Nice wie Beischlafen, Frauen beim Einparken!« – bitte, was? Komm klar. »Nice« wäre, wenn du deine »Karriere« sofort an den Nagel hängen würdest. Und das ganz ohne Abfindung. Denn wofür? Wir müssen deinen Müll ertragen.

Aber nein, nicht nur die junge Garde nervt. Auch die Compagnons der alten Schule greifen wieder zum Mic. Rapper, die ich früher durchaus für gut befand… die heute allerdings neben dem Takt flowen wie crackverjunkte Drecksnutten. Diejenigen, die Musik aus »Liebe zum Spiel« machen – Salute, den Homeboys Snaga & Pillath – und im nächsten Satz bei 453.586 Facebook-Fans den Teaser zum Teaser für ihr Streetvideo in HD (oho, sieh an, der feine Herr) ankündigen. Diejenigen, die ihre 34 Fans dazu aufrufen, die neue Veröffentlichung doch bitte physisch sowie digital zu erwerben, weil man die Top 100 erreichen will. Ich kotze und lache. Und sterbe hoffentlich nicht dabei.

Und was machen diese Blogger, die meinen, die innovativen und extrem wirksamen Methoden, die sie im »Social Media«-Seminar gelernt haben, in jedem einzelnen ihrer Facebook-Posts anwenden zu müssen? WIE GEFÄLLT EUCH DAS, ANDAUERND GEFRAGT ZU WERDEN, WIE EUCH IRGENDETWAS GEFÄLLT, ihr Naivlinge? Deutschrap ist eine Stadt… die Stadt, die Casper in seinem neuesten Song »Im Ascheregen« besingt. Und sie muss brennen. Ich hab Heizöl und Benzin vergossen, warf ein Streichholz in die Luft… nur leider ging es aus. Das ist schade und zugleich euer Glück.

Während die Halunkenbande all ihre Kanaken ohne Grips verlor und mittlerweile aus VBT-Dullfrieds erster Güteklasse besteht (und somit von »unterster Schublade« zu »Fusseln unter’m Bett« avancierte), jeder deutsche Rapper mit einigermaßen anständiger Fanbase auf #1 geht, Chimperator jeden zweiten auf Stuttgarts Straßen wegsignt und der öffentliche Erfolg Deutschraps wohl weiterhin kein Ende nimmt, übernehmen The Weeknd, London Grammar, Drake, The 1975, Jaymes Young und Konsorten meine Playlists. Viel lieber höre ich einem Abel Tesfaye dabei zu, wie er von Fellatio mit Mädels mit Gold Grillz trällert. Klar, oder?

Was ich aber nicht leugnen kann, ist eine Hand voll Künstler, die mich gerade noch so davon abhält, diesen Deutschrap-Zirkus komplett zu boykottieren. Wir schreiben den 03. September 2013. In jenem Monat bringt beispielsweise der Österreicher Gerard, der seinen Beinamen MC nachts betrunken in der Stadt verlor und ihn, weil er nur noch verschwommen sah, nicht mehr fand, sein langerwartetes Album »Blausicht«, dicht gefolgt von Caspers »XOXO«-Nachfolger »Hinterland«. Highlights.

In jenem Dunstkreis bewegt sich auch Hair Leader Olson, der seinen Beinamen »Rough« ebenfalls abgab – oder wie »Augenzeugen« berichten mitsamt eines Glases Hennessy in den Rinnstein schüttete. Auf meine leichtgewichtige Empfehlung sollte der Mann langsam aber sicher seine Platte gebacken bekommen – no Haschkekse. Du weißt selbst, Kumpel: wenn wir eines nicht haben, dann Zeit. Wir warten noch immer. Sehr gespannt dürfen wir auch auf die musikalische Weiterentwicklung von Ahzumjot sein. Was wurde aus »Monty«? Und Album-Prokrastinations-Generationsbuddy kaynBock scheint langsam mit seinem neuen Werk fertig zu werden, worauf ich ich mich sehr freue.

Daneben lässt mich die »Alles oder Nix« und »Azzlacks«-Ecke immer wieder schmunzeln, wo doch SSIO mit »BB.U.M.SS.N.« am 13.09. das Straßenrap-Album des Jahres bringen wird. Und wir dürfen nicht vergessen, dass bereits im Januar (also fast noch 2012) Baba Haftbefehl das sensationelle Doppelalbum »Blockplatin« aus der 9mm schoss und damit den Markt regulierte. Aschaffenburg lebt dank der Cosmo Gang mit ihrem Kiff-Leader Modee, dessen Mixtape »Haze Days Diaries« mittlerweile in amerikanischen Crackküchen läuft und Ebony Bitches zum Twerken animiert. Es gibt Hoffnung…

Grüße auch an Marteria, Die Orsons (insbesondere an Tua: Junge, auch wenn wir nie wieder ein reines Rap-Album von dir erwarten dürfen, wäre es das größte Geschenk, das du uns machen könntest), Rattos Locos, Ali As, Mr. Chissmann, Massiv, Money Boy, RAF Camora/ RAF 3.0, Rockstah, K.I.Z., Megaloh, Kamp und Whizz Vienna und Felix Krull. Plus einige andere, die ich vergessen habe. Macht, dass ich eure Anrufe nicht mehr wegdrücke und die gemeinsamen Abende zu argentinischem Steak wiederkommen werden. Dann steh ich eventuell bald auch wieder nach Feierabend auf der Matte und habe Blumen hinter’m Rücken versteckt. Wie in guten alten Zeiten.