Diggedidope über: Testo – Töte deine Helden

Nachdem die Rap-Gruppierung Zugezogen Maskulin ihr Debütmixtape und ihr anschließendes Album „Kauft nicht bei Zugezogenen“ veröffentlichten, stellt sich der Scheinwerfer nun auf deren Mitglied Testo ein, der auf seiner neuen EP „Töte deine Helden“ auf 4 von 5 Anspielstationen ohne Partner Grim 104 auskommt.

„You only live once“ predigte Drake Ende letzten Jahres und trat damit eine Welle los, die sich nicht antizipieren ließ. Auf einmal wusste die Menschheit: wir leben nur einmal. Wow. Reinkarnationen in Form von Hasen oder Ziegen ausgeschlossen. Bei Testo fungiert „Yolo“ als Intro der EP, das eindringlich und prägnant einen kleinen Aufriss seines bisherigen Lebens anbietet. Was man als sehr positiv auslegen kann, wird dem ein oder anderen eventuell missfallen, denn durch die intensive Vortragsweise liegt der Protagonist etwas anstrengend in den Ohren.

„Rapper sind Schwuchteln, Frank Ocean ist King“ heißt es im Titelsong des 6-Song-starken Werks. „Wieso rappt er denn dann?“, fragt ihr euch. Sollte dies wirklich der Fall sein, dürft ihr euere Sachen packen und aufhören zu lesen. Ein gelungener Rundumschlag des Anti-Untertans, der aufräumt mit Oberflächlichkeiten und übermäßigem Fantum. Aber geht ihr mal weiter nach Retweets von Fler und Savas betteln, weil ihr Geburtstag habt. Opfer.

Mit „Champagner für alle“ hat der Zugezogene sogar einen Instant Hit erschaffen, den man auf einem ZM-Release so nicht erwartet hätte. Gewohnt sozialkritische Hammerschläge in die Fressen der Gesellschaft, jedoch kombiniert mit einer catchy (!) Hookline. Bereits jetzt erwischt ihr euch schunkelnd dabei, „Champagner für alle“ zu gröhlen. Dumm nur, dass ihr Bier im Sektglas habt, ihr Komplexopfer.

Womit wir auch schon beim nächsten Song wären: „Komplexopfer“. Bekannte Geschichte, welche sich Tag für Tag in den sozialen Netzwerken abspielt und bei welcher uns nichts anderes übrig bleibt als zu vomieren. Oder uns lustig zu machen. Just in diesem Moment meldet sich die 12-Jährige Amelie bei Twitter an und nennt sich „PandaXOLadyCro“, um ganz nah an ihren Idolen zu sein. Alles würde sie machen, um Beachtung zu bekommen. Tipp: Selbstwert steigern und nicht so enden, wie die Leute, die Testo auf dem Song skizziert. Schön umgesetzt, schön einmal mehr der komplexbeladenen Gesellschaft den Mittelfinger in die Nase gesteckt.

Wie bereits eingangs erwähnt, der einzige Featuretrack mit Grim 104„Diktatur der Gesellschaft“ mit dem wohl bekanntesten Beat der ausgewählten Instrumentals. Es handelt sich um das grandiose „Clams Casino„- Brett „Demons“, das für A$AP Rocky geschustert wurde. Auch hier gibt’s wieder geballte Kritik am System. Grim bringt mit seiner Stimme Abwechslung wie ein schwarzes Schaf. Perfekt.

„Shawn Carter Syndrom“ macht den Schluss, was mir in seiner Videoversion leider besser gefiel. Der neue Beat und vor allem die veränderte Hook kommen nicht an die Atmosphäre des Originals heran.

Trotz eines Ausfalls und etwas schwer zugänglichem und sperrigem Sound, ist es Testo mit seiner ersten Solo-EP gelungen, euere Helden zu töten und sich äußerst beeindruckend von der Standard-Deutschrapmasse abzuheben. Seine markante Vortragsweise ist neben der grandiosen Gesellschaftskritik, die sich ausnahmsweise nicht um Ausländer dreht, die vom Staat hier keine Chancen gewährt bekommen, der größte Pluspunkt, welcher die EP zum absoluten Geheimtipp macht. Und auch wenn er nicht sonderlich gut singen kann, gehen seine geträllerten Refrains gut ins Ohr. Wallah, ihr versteht nix von diese in Laden kaufen, ya? Die EP gibt es für schlanke 5 Euronen ausschließlich online (hier) zu erwerben oder hier zum kostenlosen Download. Kauft (und ladet) bei dem Zugezogenen.