Diggedidope über: Die Orsons – Das Chaos und die Ordnung (Review)

Lange, lange durften bzw. mussten wir warten bis eine der beliebtesten HipHop-Bands des deutschen Landes mit ihrem dritten Album an den Start kam. Der 28.09.2012 ist heute und geht als Releasedate des neuen, fast komplett von Tua & Maeckes produzierten, Orsons-Album „Das Chaos und die Ordnung“ in die Musikgeschichte ein. Die Freunde vom Stuttgarter Indielabel Chimperator, die es eigentlich ja „Indie is the new major“ halten, werfen ihren Leitspruch mal eben über Bord und kooperieren erstmals mit Universal Music. Label egal, solange die Musik stimmt.

Was mit dem neuen Deal zusammenhängen könnte, gibt es leider oder viel mehr zum Glück nichts zu haten. Wer die vier Jungs, KAAS, Tua, Maeckes & Plan B in deren gemeinsamer Konstellation kennt, weiß, dass ihre Musik schon immer eher in einer bunten Tüte aus verschiedenen Musikrichtungen verpackt war. Von daher war eine erste Single im Stile vom poppig kitschigen, gewollt übertriebenen „Horst & Monika“, das die wahre Geschichte einer/ eines Transsexuellen erzählt, gar nicht mal so überraschend. Die ersten beiden Songs der LP schmecken ähnlich süß. Man stelle sich eine Fahrt auf der Milchstraße vor, vorbei an Zuckerwattebäumen, durch Lebkuchentunnel hin zum Fassbrausebrunnen. So. Oder so in etwa. Vielleicht liegt das aber auch nur daran, dass Tua, der Balance-Act der Truppe, samt Stimmorgan erst im dritten Song so wirklich in Erscheinung tritt. „Nachmittag im Park“ klingt wie… ein Nachmittag im Park. Keiner kann ihnen das nehmen, grillen, dies das. Ihr wisst wie Nachmittage im Park aussehen: traumhaft! Der Tua-Part reißt das ganze thematisch dann noch einmal etwas um, aber das kennen wir ja schon von älteren Songs.

Wir hörten drei Songs, kein wirklicher Sprechgesang. Aber genau jetzt wird es so richtig interessant. Da wir alle HipHop-Nazis sind und jegliche andere Musikrichtung außer Rap doch gar nicht abkönnen und eh hassen, ohne sie überhaupt zu kennen, gefällt uns „Zambo Kristall Merkaba“ ausgesprochen gut. Zehn (!) Minuten Länge, davon ca. die Hälfte purer harter Rap in euere Fressen, auf einem stampfenden Beat, zu welchem ihr „bouncen“, „tanzen“ und „Geld verdienen“ wollt – Hauptanliegen sicherlich letzteres – wohingegen die anderen fünf Minuten absurdesten Quatsch aus KAAS‚ Feder darstellen.
Eben jener macht in „Für Immer Berlin“ gleich weiter. Mit einer herzzerreißenden Beziehungsstory. Wer beim Titel an eine Lobhudelei an „die Stadt der Städte“ dachte, wird (glücklicherweise) enttäuscht. Eher „Seine Auserwählte nicht mehr sehen wollen, weil man dem bevorstehenden Aus nicht gewachsen ist“. Herz-zerr-rrei-ßend! Poppiger, dennoch großartiger Song.
Zur fröhlichen, nach vorne gehenden Seite der LP zählt auch „Wir können alles machen (Was sollen wir machen?)“ – ein „Gute Laune“-Hit der besonderen Güteklasse. Der Sound euerer Urlaubsfahrt zu siebt im Golf IV, runter nach Südfrankreich. Bis hier hin ist alles schön und gut. Die Orsons machen keinen aufgezwungenen Knebelpop mit platten, dünnen Texten, Universal scheint sich herausgehalten zu haben. Das ist ja das, wovor ihr Experten immer Angst habt.
Nun aber: die andere Seite der 15-Song-starken Platte. Keine Sorge, die eben angesprochenen Ängste werden nicht wahr – nein – viel mehr beeindrucken die restlichen Anspielstationen mit ihrer Tristesse und ruhigen Art. Songs wie „Lagerhalle“, auf dem ein leidender Tua singt und ein ehrlich reflektierender Maeckes rappt – Gänsehaut. Und dann das große  „Unperfekt“-Remake, das in einer früheren Form bereits auf Maeckes‘ Solo-EP „MANX“ zu finden war, wo ich mich frage wie man aus einem perfekten Song, einen noch perfekteren schaffen kann, in Diskrepanz zum Titel. Plan B hat auch noch seine Sternstunde auf „Mars“, das ähnlich wie „Für immer Berlin“ eine Beziehung verarbeitet. Das stille Gesamtbild des Tracks wird vom Refrain gebrochen, in welchem man vom Mars grüßt – ganz weit weg, wo einen keiner finden kann.

Auf dem Album geht es sicher nicht nur um Nachmittage im Park, um Beziehungsdramen und transsexuelle Menschen. Das wäre zu einfach. Jeder Song lässt genug Interpretationsfreiraum für euch als Einzelnen. KAAS, Tua, Maeckes & Plan B haben ihre Seelen nicht verkauft, atmet auf. Dafür schufen sie ein in sich stimmiges Album, das neben den eingängigen Mitsing-Liedern auch die Vorlieben der Rapfans (Danke Tua!) nicht außer Acht lässt. Und die, die generell zu viel nachdenken und sich an ihren depressivsten Abenden in noch depressivere Musik stürzen, entdecken auch ihre passenden Prodepressiva auf der Platte. Bleibt nur noch zu hoffen, dass die vier mit Chimperator chartmäßigen Erfolg feiern und heute Abend beim Bundesvision Song Contest gewinnen oder zumindest nicht hinter Kirchenduo XAVAS landen werden.