Manuellsen – M. Bilal Soul Edition (Review)

Euch ist sicher bereits aufgefallen, dass hier noch nie ein Gastschreiber zu Wort kam – und das vollends beabsichtigt, um der persönlichen Note meiner Wenigkeit auf Diggedidope nicht fremdzugehen. Aber: außergewöhnliche Alben erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. So hat es das Gesangsalbum, die „M Bilal Soul Edition“, von Manuellsen, meiner Meinung nach verdient, ausführlich durchgekaut zu werden. Und das von Herren Badaboombadabang, der es zur Zeit seines Zenits schaffte, mich zum Bloggen zu bewegen.

Nach einer etwas längeren Schreibauszeit wagt sich der Blogfather exklusiv für Diggedidope zurück ins Spiel. Und das mit einem extrem interessanten Thema, wo doch mit Frank Ocean und The Weeknd – um nur zwei zu nennen – in Amerika gerade eine Art goldenes Zeitalter des R&Bs stattfindet. Wieso also nicht, Manuell? Das Wort hat nun Badaboom:

Manuellsen hat keine Lust mehr zu rappen. Zumindest möchte er sich nicht darauf versteifen, schlummert doch schon seit einer ganzen Weile eine weitere Leidenschaft im Herzen des 33-jährigen Deutschen mit ghanaischen Wurzeln: Rhythm and Blues. Seit nunmehr sechs Jahren versorgt Manuellsen die hiesige Raplandschaft mit der nötigen Portion Soul und ist mit Sicherheit auch bei Deinem favourite rapper’s favourite rapper unter „#1 Hookservice“ im Handy gespeichert. Dieses Know-how kommt natürlich nicht über Nacht: bereits als 17-jähriger Jungspund tauschte Emanuel Twellmann, so der bürgerliche Name, für diverse holländische R&B-Künstler seine Fähigkeiten als Geistschreiber gegen schwarze Zahlen auf dem Konto. Die eigenen Gesangskünste baute Emanuel, angetrieben von Bands wie Jagged Edge und Boyz II Men, mit den Jahren immer weiter aus. Von dem großen Wunsch, endlich ein reines Soulalbum zu veröffentlichen, spricht Manuellsen schon länger, erstmals angekündigt war „M.Bilal – Souledition“ vor zwei Jahren als direkter Gegenpol zu seinem 2010 erschienenen Rap-Album „M.Bilal 2010“. Trotz aller Verzögerungen stand die Konstellation für diese Herzensangelegenheit vielleicht nie besser als im Jahre 2012: die beiden Lieblinge des Blogosphären-Universums The Weeknd und Frank Ocean haben in den vergangenen Monaten alles daran gesetzt selbst dem durchschnittlichen HipHop-Otto R&B wieder nahe zu bringen und, noch viel wichtiger als das, wieder cool zu machen. Auf einmal schien es das Normalste der Welt zu sein, das sonst als „homoerotisches Gejammer direkt aus der Dose“ verschmähte Genre neben Hardcore-Evergreens wie Mobb Deeps “The Infamous” auf seinem iPod zu führen. Irgendwie hat dann doch auch der ignoranteste Rapnazi in den dunkelsten Stunden schon einmal mit dem Gedanken gespielt, seine (Ex-)Perle im Kofferraum zu verstauen und die Karre anschließend in die Weiten des Ozeans treiben zu lassen. Nach Hipsterfutter wie Jamie Woon, The Weeknd und James Blake, mag das ein oder andere Auge nun auch nach einem vergleichbaren Typus, der sich der deutschen Sprache bedient, Ausschau halten. Wann wäre also ein besserer Zeitpunkt, wenn nicht jetzt?

Thematisch steht auf “M. Bilal – Souledition” ganz klar die feminine Spezies im Mittelpunkt. Sei es auf dem bereits bekannten “Messerstich”, auf dem im Notfall auch der Glaube an Allah kurzzeitig weichen muss, wenn die Ehre der Frau auf dem Spiel steht. Auf “Giftig”, auf dem Manuellsen der schrägen Ex-Perle, mit Unterstützung von einem gut aufgelegten MoTrip, am ersten Mai gerne mal den Johannes zeigt. Oder wenn die inzwischen fast schon traditionelle “Nachtschicht”-Reihe mit “Nachtschicht 2.5” fortgeführt wird und Manuellsen über eine minimalistische, aber äußerst wirkungsvolle Juhdee-Produktion feinsten Sextalk betreibt. Die Frauen-Thematiken sind für R&B ja ganz und gar nicht unüblich, jedoch tut die kleine Abwechslung in Form von “Paradies” (das sich als Remake von Phil Collins“Another Day in Paradise” entpuppt) sowie “Zu wem gehörst du?” der Platte durchaus gut.

Nun heißt es in der offiziellen Pressemitteilung zu “M.Bilal – Souledition”: “Alles was man bisher auf Soul- oder R&B-Alben finden konnte, die aus Deutschland kamen, wird hier gezielt umgangen und durch einen internationalen 2012’er Sound ersetzt […]”

Diese Aussage entspricht leider nicht ganz der Wahrheit. Natürlich werden auf Seite der Produktion aktuelle (“Farben” = minimalistische Drums vermischt mit der Vorliebe für Hall) wie auch nicht mehr ganz so aktuelle (“Fliegen” = typisches Synthi-808-Geballer) Trends adaptiert, jedoch wird hier in eine altbekannte Falle getreten: der Soundteppich der Platte wirkt wie die Speisekarte eines rastlosen Weltenbummlers, der sich gerade durch sämtliche Küchen der ganzen Welt geschlagen hat. Beim Zusammenstellen der Crème de la Crème ist er letztlich völlig hin- und hergerissen zwischen dem sinnlichen Soulfood der Südstaaten und den magischen Gewürzen der thailändischen Küche, so dass er sich letztlich dazu entscheidet einfach alles auf die Karte zu setzen. Wenn in der Pressemitteilung also von einem “internationalen 2012’er Sound” die Rede ist, muss ich persönlich an das auch 2012 noch sehr gefragte Soundmuster eines The Weeknds denken. Drei Mixtapes hat Abel Tesfaye inzwischen veröffentlicht, die in ihrem Gesamtbild jeweils durchdachter klingen als sie womöglich sind. Zu einem großen Anteil liegt das an dem konsequenten Soundbild aus gut dosiertem Minimalismus, orgiastischem Wobblebass und verschiedensten Samplereferenzen, das die Produzenten Jeremy Rose, Doc McKinney und Illangelo dem 22-jährigen Kind Torontos aufgedrückt haben.

Aber auch Tesfayes textliche Stringenz aus Sex, Drugmoments und dem egozentrischen Luzifer im Schädel, der das lyrische Ich gerne mal auf die dunkle Seite der Macht zieht und es kleine, unschuldige Mädchen auf Drogen bringen lässt, bloß um sich anschließend in Selbstmitleid zu suhlen, verpasst dem Internet-Mysterium The Weeknd seine ganz eigene Note. Wo wir bei Kritikpunkt Numero Zwei wären: die Lyrics. Wohlgemerkt kann man beim Singen im Vergleich zu Rap nicht lange um den heißen Brei reden, sondern muss viel schneller auf den Punkt kommen. “Jeder Satz muss praktisch sitzen und das vermitteln was du eigentlich sagen willst”, gab Manuellsen in einem Interview richtig zu Protokoll, jedoch gelingt es ihm oftmals nicht diese Weisheit in die Praxis umzusetzen. Anstelle klare, bleibende Bilder zu erschaffen, die einer individuellen, auf das Nötigste reduzierte Wortwahl bedürfen, verliert Manuellsen sich gerne in flachen Zeilen, die man, entgegen der Behauptung aus der Pressemitteilung, durchaus schon desöfteren auf deutschen Soul- und R&B-Werken finden konnte. Hier ein Auszug aus “Freunde sein”:

“Vielleicht ist es richtig verkehrt /
doch ich sag’s ihr was passiert, ein Blick ist es wert /
denn es fühlt sich so gut an /
Girl, wir könnten so viel haben /
doch dann beginnt wieder die Scheiße /
und jeden Tag immer das Gleiche”

Sorry Kumpel, aber das ist einfach zu wenig und schmählert über weite Strecken den Gesamteindruck. Positiv bleibt der Song “Farben” im Gedächtnis, auf dem Manuellsen es schafft ein klares Konzept zu verfolgen und gekonnt umzusetzen. Die bleibenden Bilder, die den Hörer fesseln und ihm die Gänsehaut des Grauens verpassen, liegen dennoch in weiter Ferne.

Natürlich kann ich nicht wissen, ob dies überhaupt Manuellsens und Hausproduzent Juh-Dees Ambitionen waren, eine solche dichte Scheibe zu produzieren, zumal The Weeknd auf deutsch nicht zwangsweise funktionieren muss oder überhaupt eine Garantie gegeben ist, dass nach einer deutschen Adaption auch nur der leiseste Hahn kräht. Jedoch hätte ich es im künstlerischen Sinn als herausfordernde Leistung empfunden, wenn Manuellsen seinen persönlichen Diamanten ein wenig mehr geschliffen und dem ganzen R&B-Geschehen in Deutschland somit verstärkt seinen eigenen Stempel aufgedrückt hätte. So entpuppt sich “M. Bilal – Souledition” eher als passende Hintergrundmusik für eine gemütliche Runde im Shishacafé des Vertrauens oder um in feinster Balu’scher Manier die Schubidoo(bie)-Zeit einzuläuten, anstatt als fesselndes Emotionsgewitter mit Tiefe und Individualität. Ob man dieses Fazit letztlich negativ auslegen möchte, bleibt Geschmackssache. Vermutlich klingt all dieses Genörgel schlimmer als es in Wahrheit ist, denn “M. Bilal – Souledition” ist ein gutes Album. Schade ist einzig und allein die Tatsache, dass die vorhandene Luft nach oben nicht genutzt wurde. An dem technischen Handwerk wäre es nämlich mit Sicherheit nicht gescheitert.

Casper mag Recht haben, wenn er behauptet, dass „das jeder feiern würde“, wenn es in Amerika stattfände. Ob das breite Publikum in Deutschland bereit für „M.Bilal – Souledition“ ist oder ob es sich letztlich doch ein wenig zu sehr an der durchschimmernden Straßenrap-Affinität (zum Beispiel Vlachos Gastauftritt auf „Messerstich“) stößt, bleibt abzuwarten. Sicher ist aber, dass Manuellsen sich hiermit einen weiteren rustikalen, wenn auch ausbaubaren Grundstein für seine Karriere gelegt hat, der mit Sicherheit neue Hörer erschließen und die alten Hookservice-Charmeure vorerst sättigen wird.

Badaboombadabang