Archiv der Kategorie 'Reviews'

22
Apr
12

Manuellsen – M. Bilal Soul Edition (Review)

Euch ist sicher bereits aufgefallen, dass hier noch nie ein Gastschreiber zu Wort kam – und das vollends beabsichtigt, um der persönlichen Note meiner Wenigkeit auf Diggedidope nicht fremdzugehen. Aber: außergewöhnliche Alben erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. So hat es das Gesangsalbum, die “M Bilal Soul Edition”, von Manuellsen, meiner Meinung nach verdient, ausführlich durchgekaut zu werden. Und das von Herren Badaboombadabang, der es zur Zeit seines Zenits schaffte, mich zum Bloggen zu bewegen.

Nach einer etwas längeren Schreibauszeit wagt sich der Blogfather exklusiv für Diggedidope zurück ins Spiel. Und das mit einem extrem interessanten Thema, wo doch mit Frank Ocean und The Weeknd – um nur zwei zu nennen – in Amerika gerade eine Art goldenes Zeitalter des R&Bs stattfindet. Wieso also nicht, Manuell? Das Wort hat nun Badaboom:

Manuellsen hat keine Lust mehr zu rappen. Zumindest möchte er sich nicht darauf versteifen, schlummert doch schon seit einer ganzen Weile eine weitere Leidenschaft im Herzen des 33-jährigen Deutschen mit ghanaischen Wurzeln: Rhythm and Blues. Seit nunmehr sechs Jahren versorgt Manuellsen die hiesige Raplandschaft mit der nötigen Portion Soul und ist mit Sicherheit auch bei Deinem favourite rapper’s favourite rapper unter „#1 Hookservice“ im Handy gespeichert. Dieses Know-how kommt natürlich nicht über Nacht: bereits als 17-jähriger Jungspund tauschte Emanuel Twellmann, so der bürgerliche Name, für diverse holländische R&B-Künstler seine Fähigkeiten als Geistschreiber gegen schwarze Zahlen auf dem Konto. Die eigenen Gesangskünste baute Emanuel, angetrieben von Bands wie Jagged Edge und Boyz II Men, mit den Jahren immer weiter aus. Von dem großen Wunsch, endlich ein reines Soulalbum zu veröffentlichen, spricht Manuellsen schon länger, erstmals angekündigt war „M.Bilal – Souledition“ vor zwei Jahren als direkter Gegenpol zu seinem 2010 erschienenen Rap-Album „M.Bilal 2010“. Trotz aller Verzögerungen stand die Konstellation für diese Herzensangelegenheit vielleicht nie besser als im Jahre 2012: die beiden Lieblinge des Blogosphären-Universums The Weeknd und Frank Ocean haben in den vergangenen Monaten alles daran gesetzt selbst dem durchschnittlichen HipHop-Otto R&B wieder nahe zu bringen und, noch viel wichtiger als das, wieder cool zu machen. Auf einmal schien es das Normalste der Welt zu sein, das sonst als „homoerotisches Gejammer direkt aus der Dose“ verschmähte Genre neben Hardcore-Evergreens wie Mobb Deeps “The Infamous” auf seinem iPod zu führen. Irgendwie hat dann doch auch der ignoranteste Rapnazi in den dunkelsten Stunden schon einmal mit dem Gedanken gespielt, seine (Ex-)Perle im Kofferraum zu verstauen und die Karre anschließend in die Weiten des Ozeans treiben zu lassen. Nach Hipsterfutter wie Jamie Woon, The Weeknd und James Blake, mag das ein oder andere Auge nun auch nach einem vergleichbaren Typus, der sich der deutschen Sprache bedient, Ausschau halten. Wann wäre also ein besserer Zeitpunkt, wenn nicht jetzt?

Thematisch steht auf “M. Bilal – Souledition” ganz klar die feminine Spezies im Mittelpunkt. Sei es auf dem bereits bekannten “Messerstich”, auf dem im Notfall auch der Glaube an Allah kurzzeitig weichen muss, wenn die Ehre der Frau auf dem Spiel steht. Auf “Giftig”, auf dem Manuellsen der schrägen Ex-Perle, mit Unterstützung von einem gut aufgelegten MoTrip, am ersten Mai gerne mal den Johannes zeigt. Oder wenn die inzwischen fast schon traditionelle “Nachtschicht”-Reihe mit “Nachtschicht 2.5” fortgeführt wird und Manuellsen über eine minimalistische, aber äußerst wirkungsvolle Juhdee-Produktion feinsten Sextalk betreibt. Die Frauen-Thematiken sind für R&B ja ganz und gar nicht unüblich, jedoch tut die kleine Abwechslung in Form von “Paradies” (das sich als Remake von Phil Collins“Another Day in Paradise” entpuppt) sowie “Zu wem gehörst du?” der Platte durchaus gut.

Nun heißt es in der offiziellen Pressemitteilung zu “M.Bilal – Souledition”: “Alles was man bisher auf Soul- oder R&B-Alben finden konnte, die aus Deutschland kamen, wird hier gezielt umgangen und durch einen internationalen 2012′er Sound ersetzt [...]”

Diese Aussage entspricht leider nicht ganz der Wahrheit. Natürlich werden auf Seite der Produktion aktuelle (“Farben” = minimalistische Drums vermischt mit der Vorliebe für Hall) wie auch nicht mehr ganz so aktuelle (“Fliegen” = typisches Synthi-808-Geballer) Trends adaptiert, jedoch wird hier in eine altbekannte Falle getreten: der Soundteppich der Platte wirkt wie die Speisekarte eines rastlosen Weltenbummlers, der sich gerade durch sämtliche Küchen der ganzen Welt geschlagen hat. Beim Zusammenstellen der Crème de la Crème ist er letztlich völlig hin- und hergerissen zwischen dem sinnlichen Soulfood der Südstaaten und den magischen Gewürzen der thailändischen Küche, so dass er sich letztlich dazu entscheidet einfach alles auf die Karte zu setzen. Wenn in der Pressemitteilung also von einem “internationalen 2012′er Sound” die Rede ist, muss ich persönlich an das auch 2012 noch sehr gefragte Soundmuster eines The Weeknds denken. Drei Mixtapes hat Abel Tesfaye inzwischen veröffentlicht, die in ihrem Gesamtbild jeweils durchdachter klingen als sie womöglich sind. Zu einem großen Anteil liegt das an dem konsequenten Soundbild aus gut dosiertem Minimalismus, orgiastischem Wobblebass und verschiedensten Samplereferenzen, das die Produzenten Jeremy Rose, Doc McKinney und Illangelo dem 22-jährigen Kind Torontos aufgedrückt haben.

Aber auch Tesfayes textliche Stringenz aus Sex, Drugmoments und dem egozentrischen Luzifer im Schädel, der das lyrische Ich gerne mal auf die dunkle Seite der Macht zieht und es kleine, unschuldige Mädchen auf Drogen bringen lässt, bloß um sich anschließend in Selbstmitleid zu suhlen, verpasst dem Internet-Mysterium The Weeknd seine ganz eigene Note. Wo wir bei Kritikpunkt Numero Zwei wären: die Lyrics. Wohlgemerkt kann man beim Singen im Vergleich zu Rap nicht lange um den heißen Brei reden, sondern muss viel schneller auf den Punkt kommen. “Jeder Satz muss praktisch sitzen und das vermitteln was du eigentlich sagen willst”, gab Manuellsen in einem Interview richtig zu Protokoll, jedoch gelingt es ihm oftmals nicht diese Weisheit in die Praxis umzusetzen. Anstelle klare, bleibende Bilder zu erschaffen, die einer individuellen, auf das Nötigste reduzierte Wortwahl bedürfen, verliert Manuellsen sich gerne in flachen Zeilen, die man, entgegen der Behauptung aus der Pressemitteilung, durchaus schon desöfteren auf deutschen Soul- und R&B-Werken finden konnte. Hier ein Auszug aus “Freunde sein”:

“Vielleicht ist es richtig verkehrt /
doch ich sag’s ihr was passiert, ein Blick ist es wert /
denn es fühlt sich so gut an /
Girl, wir könnten so viel haben /
doch dann beginnt wieder die Scheiße /
und jeden Tag immer das Gleiche”

Sorry Kumpel, aber das ist einfach zu wenig und schmählert über weite Strecken den Gesamteindruck. Positiv bleibt der Song “Farben” im Gedächtnis, auf dem Manuellsen es schafft ein klares Konzept zu verfolgen und gekonnt umzusetzen. Die bleibenden Bilder, die den Hörer fesseln und ihm die Gänsehaut des Grauens verpassen, liegen dennoch in weiter Ferne.

Natürlich kann ich nicht wissen, ob dies überhaupt Manuellsens und Hausproduzent Juh-Dees Ambitionen waren, eine solche dichte Scheibe zu produzieren, zumal The Weeknd auf deutsch nicht zwangsweise funktionieren muss oder überhaupt eine Garantie gegeben ist, dass nach einer deutschen Adaption auch nur der leiseste Hahn kräht. Jedoch hätte ich es im künstlerischen Sinn als herausfordernde Leistung empfunden, wenn Manuellsen seinen persönlichen Diamanten ein wenig mehr geschliffen und dem ganzen R&B-Geschehen in Deutschland somit verstärkt seinen eigenen Stempel aufgedrückt hätte. So entpuppt sich “M. Bilal – Souledition” eher als passende Hintergrundmusik für eine gemütliche Runde im Shishacafé des Vertrauens oder um in feinster Balu’scher Manier die Schubidoo(bie)-Zeit einzuläuten, anstatt als fesselndes Emotionsgewitter mit Tiefe und Individualität. Ob man dieses Fazit letztlich negativ auslegen möchte, bleibt Geschmackssache. Vermutlich klingt all dieses Genörgel schlimmer als es in Wahrheit ist, denn “M. Bilal – Souledition” ist ein gutes Album. Schade ist einzig und allein die Tatsache, dass die vorhandene Luft nach oben nicht genutzt wurde. An dem technischen Handwerk wäre es nämlich mit Sicherheit nicht gescheitert.

Casper mag Recht haben, wenn er behauptet, dass „das jeder feiern würde“, wenn es in Amerika stattfände. Ob das breite Publikum in Deutschland bereit für „M.Bilal – Souledition“ ist oder ob es sich letztlich doch ein wenig zu sehr an der durchschimmernden Straßenrap-Affinität (zum Beispiel Vlachos Gastauftritt auf „Messerstich“) stößt, bleibt abzuwarten. Sicher ist aber, dass Manuellsen sich hiermit einen weiteren rustikalen, wenn auch ausbaubaren Grundstein für seine Karriere gelegt hat, der mit Sicherheit neue Hörer erschließen und die alten Hookservice-Charmeure vorerst sättigen wird.

Badaboombadabang

07
Nov
11

Pusha T – Fear Of God II: Let Us Pray (Review)


Wer ist dieser Drücker T? Also Pusha T ist eine Hälfte der grandiosen Rapformation Clipse, die sich aus den Thornton Brüdern zusammensetzt. „Hell Hath No Fury“ oder „Til The Casket Drops“ dürfte man als Amirap-Fan kennen und lieben. I know, I know – yea, me, too. Pusha setzte sich im laufenden Jahr etwas von seinem Bruder Malice ab und veröffentlichte das kostenlose Solotape „Fear Of God“, wovon nahezu jeder Song einen Clip spendiert bekam. Beste Resonanz bedeutet kommerzielle Gedankenentwicklungen. Gewiefte Marketingstrategen dachten sich, aus dem ersten Gratis-Teil einfach „Fear Of God 2: Let Us Pray“ zu machen und dieses zu verkaufen. Mit Ergänzung einiger neuer Songs, die hochkarätige Gäste wie Kanye West, Young Jeezy, French Montana oder Tyler, The Creator beherbergen. Der 18.11.2011 wurde als Releasedate angesetzt. Sureshot Promotions gab mir die Möglichkeit, vorab in ein Presseexemplar reinzuhören.

Und was gab es da zu hören? Cocaine Talk, als wär’s ein Koka-Curren$y. Selbstbeweihräucherung. Aber was ist Anderes von Pusha T zu erwarten? Nein, was soll man groß sagen? Angesichts meiner zugegeben enormen Sympathie zum „G.O.O.D.-Music“-Act bleiben nur positive Worte übrig. Einen grandiosen Opener, der Mogul Diddy featured oder eben nicht featured (?), findet man in „Changing Of The Guards“. Mit „Wolf Gang“-Kopf Tyler gibt’s statt „Money“ mal „Trouble On My Mind“, ansonsten erklärt uns Pusha in 3 ½ angenehmen Minuten, aus was Träume gemacht sind und wenn dann in Zukunft auch noch mehr Liedgut wie „Everything That Glitters“ entsteht, darf French Montana gerne zu G.O.O.D. Music gehen. Neben den Genannten zählen „So Obvious“, „Amen“ mit Yeezy und Jeezy sowie „Body Work“ mit Juicy J, Meek Mill und dem ingesamt zwei Mal auf der Platte vertretenen French Montana zu den bislang unveröffentlichten Songs. Die Anspielstationen 8 bis 12 sind vom ersten Teil der Tapereihe bekannt. Darunter das grandiose „My God“ oder „I Still Wanna“ mit Officer Ricky!

Ihr merkt, ich halte viel von der Veröffentlichung.  Keinem höre ich so gerne beim Rap über das weiße Pulver zu wie diesem Kandidaten hier. Kollegah kann einpacken. Pusha T – Father of real Kokaintickerbusiness. Nicht, dass ihr mich falsch versteht. Hier gibt es keine „Lil B“-artigen Tracks, in welchen 4 Minuten lang „Cocaine“ gerufen wird. Dennoch geht’s hier um Hoes, Money & Drugs – typisches Rappergelaber. Jedoch sehr gut umgesetzt und durch Pushas Vortragsweise, Stimme, der kreierten Atmosphäre und der persönlichen Ausstrahlung verfeinert. Gönnt euch, Freunde.

Diggedidope (jb)

11
Okt
11

Evidence – Cats & Dogs (Review)

Im Oktober 2011 überrascht uns plötzlich der Spätsommer. Während wir im Juli und August  für diese Jahreszeit weitgehend untypische Temperaturen aushalten mussten, schickt uns irgendjemand im Herbst warme Sonnenstrahlen. Wie ist das zu erklären? Hat das wohl etwas mit dem 23. September zu tun? Unheimlich mysteriöses Datum, an welchem eine langerwartete Platte von einem amerikanischen Qualitätsgaranten erschien. Man nennt ihn Mr. Slow Flow, Weatherman oder einfach Evidence. Die Rhymesayers-Kollegen entschlossen sich also für den 23. (Europa) bzw. für den 27. September (USA), um den Nachfolger der Weatherman LP sowie der Layover EP aufs Feld zu schicken. Und das, was da kam, hat es in sich.

Meine Wenigkeit hatte durch Kumpel Playmuzikk schon vor Release das Glück, das Album auf einer zweistündigen Zugfahrt auszukosten. Meine Erwartungen waren immens und diese wurden nicht enttäuscht. Wo “The Weatherman” stilistisch aufhörte, beginnt “Cats & Dogs” ebenso mit den obligatorischen, wetterthematischen Cuts. Evidence fällt wie gewöhnlich nicht durch Doubletime- und Tripletimegespitte à la Tech N9ne auf, nein, viel mehr überzeugt er mit seinem sogenannten “slow flow” und der angenehmen, einprägsamen Stimme. Auch produktionstechnisch bleibt sich Michael Perretta treu: wenn er nicht selbst Hand angelegt hat, taten das die alten Bekannten DJ Premier, Alchemist, Sid Roams und Co., wodurch ein homogenes, schönes Soundbild entstanden ist.
Es bleiben Songs für jedes Wetter: sei es das kalte “Strangers”, das warmklingende “Red Carpet” oder die im Vorfeld ausgekoppelte Single “You”, die mit feinen Premo-Scratches überzeugen kann. Featuregäste sind u.a. Raekwon, Aesop Rock,  Roc Marciano oder Prodigy. Noch Fragen? Nein? Verständlich.

Um es kurz und knapp zu sagen: für mich unter den Top 10 des Jahres 2011. Dabei habe ich die Tage Sachen gelesen, bei denen ich mir an den Kopf fassen musste. Da verstand doch wirklich jemand nicht, wieso Evidence oftmals in den höchsten Tönen gelobt wird. Am Ende bleibt nur eines zu sagen: kennt man Dilated Peoples da nicht, oder wie? Hört euch das Album an und ihr wisst, wieso das so ist. Nach der Vorgänger-LP und der kleinen appetitanregenden EP ist “Cats & Dogs” nun ein weiterer, sehr genießbarer Hauptgang. Und so köstlich es auch ist, meinen Hunger darf Rhymesayers in Zukunft gerne mit neuen derartigen Geschmacksexplosionen stillen.

Diggedidope
(jb) für playmuzikk.de

03
Jul
11

Montez – Karneval (Review)

Rap ist bei Jugendlichen heutzutage eine der präferiertesten Musikrichtungen. Einst sah das der junge Bielefelder Luca Montesinos genauso, der jedoch vor mehr als 5 Jahren wohl noch kaum daran gedacht hat, dass er im Jahre 2011 als Montez seine erste Rapplatte mit dem kurzen und bündigen Titel “Karneval” veröffentlichen wird. Mit einem Ego, das durch Props vom King of Rap Kool Savas, Azad oder auch K.I.Z. gefestigt wurde, gewann er vor kurzem den Newcomercontest von hiphop.de, der JUICE und Audiomagnet.

Bereits nach dem ersten Hördurchgang von “Karneval” fällt wohl das Urteil: er hat zurecht gewonnen. Der Albumtitel meint viel mehr die Maskerade – das Überspielen der eigentlichen Charakterzüge, die Schutzhaltung, die viele Menschen an den Tag legen, um unangreifbarer zu sein, als die Freude und Gelassenheit der Faschingszeit. Im Opener werden sofort die Masken in die “Brennende Parade” geworfen und die Hüllen fallen gelassen. Nun hört man die wahren Worte des jungen Protagonisten wie folgt auf 12 Anspielstationen, wobei die von Levon Supreme produzierte den Anfang und auch sofort Eindruck macht. Aber wer hier einen Partyknaller erwartet, ist definitiv fehl am Platz.  Denn es ist kein cooles Rappergehabe, die Angeberschiene oder das Prolltum, was Montez ausmacht. Er möchte seine Hörerschaft mit tiefsinnigen Zeilen mitreißen und mit seinen 17 Jahren eine Identifikationsbasis schaffen, was ihm konsequenterweise auch gelingt. Wenn er auf “Montez II”, dem Nachfolger seines bislang bekanntesten Songs, von Acapella Freestyles nachts auf den Staßen rappt, fühlt sich wohl der ein oder andere Jugendliche angesprochen. Und wo wir schon bei der Anspielstation sind, kann man gleich hinzufügen, dass es sich dabei um eines der mitreißendsten Liedern der Platte handelt. Sehr aufrichtig beschreibt Luca Montesinos seine Entwicklung, die damit verbunde Veränderung mit ihren positiven, und aber überwiegend negativen Folgen wie z.B. die immer größer werdende Distanz zwischen seiner Familie und ihm aufgrund der Musik. Selbiges wird auf “Mein größter Fan” verarbeitet, in dem aus der Sicht seines kleinen Bruders geschildert wird, wie fremd sich die beiden geworden sind. Jonesmann singt dabei die Hook.
Depressive Töne werden auch in der ersten Videosingle “Deine Schritte” angeschlagen, auf der man zudem einen Part von kaynBock, seines Zeichens “Trümmertetris”-Spieler, zu hören bekommt. Zukunftsängste, eine Abrechnung mit der dunklen Seite der menschlichen Charakterzüge und den Mut zum Fehler machen – all das bekommt man hier geboten.
Um nicht den Eindruck zu vermitteln, es handele sich um eine schwertriste Platte, nenne ich eben “Einfaches Ding” mit DLGs Bruder Dennis Losch, der der Hook seine Gesangsstimme verleiht. Locker flockig rappt Montez über einfache Dinge, die sich letztendlich als schwerer herausstellen, als sie zu sein scheinen. Alias ein kleiner Liebesbrief. Wartet auf den Sonnenuntergang, nehmt euch etwas Zeit und schaltet den Track ein. Tipp.
Wir hatten jetzt schon drei Featuregäste angesprochen, aber kaynBock, Jonesmann und Dennis Losch sind nicht die einzigen. Gesang kommt außerdem von Marsin, der dem Titeltrack Soul verleiht und Dennis Haberlach, der ehemalige DSDS-Kandidat, der auf “Polaroid” einen mehr als soliden Job abliefert. Das persönliche “Polaroid” versetzt in die Vergangenheit und lässt beinahe nostalgisch werden, wie sorglos es man als Kind hatte.
Featuretechnisch hat der gute Montez aber immer noch nicht ausgesorgt, denn die Hochkaräter warten auf Track Nummer 07, womit er sich auch einen kleinen Traum erfüllt, indem sich Olson Rough die Ehre gibt und eine Hook für “In Ketten” liefert. Der zweite Part kommt aus Berlin von Liquit Walker, der wohl lieber Gastparts aufnimmt anstatt endlich sein eigenes Solo zu droppen. Jedoch macht er das in den meisten Fällen sehr gut, wie auch hier.
DLG ließ es sich natürlich auch nicht nehmen und sprang auf einen Track. In “Rollenspiel” werden die Seiten getauscht: DLG ist Montez, Montez ist DLG.
Angesprochen wurden nun die Lieder, die mir definitiv am besten gefallen. Dann sind da aber noch das wunderbar melancholische “Schneekugel” und die Ode an die große Liebe “22:22 Uhr”. In ersterem nimmt euch Montez mit in seine “eiskalte Welt” – dabei wird die Wintermetaphorik geschickt integriert und es werden schöne detailreiche Bilder gemalt.
Und der Abschluss wird gebührend mit zweitgenanntem gefeiert: auf den ersten Blick wie eine Teenie-Lovestory wirkend, entpuppt sich das Stück als große Musik. Vielleicht denkt ja auch jemand an euch, wenn ihr um Punkt 22:22 Uhr auf die Uhr schaut.

Ich kann noch ein paar Worte über den physischen Tonträger verlieren. Das Artwork kommt wunderschön daher, feiner Druck, passende Farben und das Coverbild, geschossen von Julian Essink, kann auch überzeugen. Alles in allem ein sehr schönes Debütalbum, das man von einem 17-jährigen so noch nicht erwarten muss. Umso schöner, dass ihm ein in sich schlüssiges Werk gelungen ist und dieses mit Unterstützung von Audiomagnet, der JUICE und hiphop.de in diesem Rahmen releast werden konnte. Mit 12 Tracks ist es keinesfalls überladen und stellt eine ernstgemeinte Empfehlung für Rapfans und Freunde der tristeren Musik dar. Natürlich ist Montez auch auf einen schönen Klangteppich angewiesen, den Produzenten wie Levon Supreme, Awe, Exzact, Topbeats, Dennis Losch, Jumpa-Beatz oder X-Plosive anfertigten. Kompliment auch an die Beatbastler. Dem weiteren Werdegang des jungen Bielefelders darf man gespannt entgegen blicken.

diggedidope (jb)

31
Mai
11

KAAS – Liebe, Sex & Twilight Zone (Review)

Kaas - Liebe, Sex & Twilight Artwork Cover

Es ist Frühling und wir schreiben den 11. Mai 2011. Die Blumen blühen, die Sonne scheint, die Nachbarskatze springt fröhlich über Zäune. Positive Schwingungen überall und dazu ein Album im Player, das dieser Stimmung mehr als nur gerecht wird: “Liebe, Sex & Twilight Zone” des Reutlingers KAAS. Dieses Album lebt die positiven Seiten des Lebens förmlich aus. War KAAS vor Jahren noch der Junge, der in Musikvideos auf der Toilette oralen Geschlechtsverkehr genoss, singt er heutzutage von Liebesbotschaften und führt sein Lovemovement durch die Einkaufspassagen deutscher Großstädte. Wer hätte solch eine Wandlung erahnen können? Spätestens seit dem ersten Soloalbum “T.A.F.K.A.A.Z. :D” aus dem letzten Jahr ist der neue KAAS angekommen und veröffentlicht also bereits sein zweites Album über das süddeutsche Indielabel Chimperator Records, das den Leitspruch “Indie Is The New Major” verfolgt.
Dabei handelt es sich diesmal um kein gewöhnliches Release, denn Lukas Michalczyk entschloss sich dazu, neben einer Rap-Platte eine zweite CD mitzureleasen, die das alteingesessene Genre Eurodance neuaufleben lassen sollte. Dabei lag das Hauptaugenmerk darauf, die oft sinnlosen Texte der 1990er zu kompensieren und Eurodance mit Message zu versehen.
“Boom Bap Sound” hat uns laut Interviewansagen des Orsons-Mitglied auf der Rap CD “Liebe, Sex &…” zu erwarten. Ein Grund zur Freude, welche auch das JUICE Exclusive “KAAS Is Wie” untermauerte. Und plötzlich wird uns auf dem Intro der Platte gleich einmal vorgesungen, wie sehr jeder einzelne Mensch von ihm geliebt wird. Boom Bap Sound? Gewiss nicht. Eher dann sowas wie… Blümchen vielleicht. Nichtsdestrotz ist “Von mir geliebt” der Ohrwurm keinesfalls abzusprechen und Rapfans kommen gegen Ende des Liedes dann noch auf ihre Kosten, wenn KAAS beweist, dass er das Flowen doch einigermaßen beherrscht. Nostalgie integriert:

“Ich weiß noch bei mei’m ersten Splash/ wir waren alle so krass durchnässt/ so viele geile Leute kenn’gelernt, auf der Bühne war Savas noch mit Eko Fresh!”

Weiter geht’s dann mit einem kleinen Überblick über die absurden Grausamkeiten der Erde – “Frau in Tansania” erscheint in überwiegend ruhigem Soundgewand, explodiert bei Einsetzen der Hook aber energiegeladen. KAAS macht sich einmal mehr dafür stark, dass sich Liebe auf der Welt durchsetzen sollte. Die Hook erinnert dann doch sehr an eine “Tagesschau”-Folge des Vorabends, die Identifikation ist da. Aber reicht Identifikation? Viel mehr soll Empathie erzeugt werden. Gelungen! On To The Next One!
Wo wir dann auch schon beim Favoriten des Rapteils angekommen wären. “Geiles Leben” vermittelt solch wohlwollende Gefühle: ein Gute-Laune-Lied wie es im Bilderbuche steht.
Dir gehts scheiße? Du hast nur ‘ne Drei in Mathe? Kein 1,3 Abi geschafft? Dann wach mal auf und drück “Play”. Ich weiß ja nicht, wie… aber KAAS erzeugt allem Anschein nach mehr Einsicht als so manch professioneller Therapeut. Wer denn mal reinschnuppern möchte, kann auch gerne das Video zum Song ansehen, das erst gestern über Aggro TVs “Halt die Fresse” erschienen ist:

Wo ist denn nun der gute alte Boom Bap Sound? Schon ertönt die Stimme des selbsternannten “Versager Ohne Zukunft” aus Wien. Die promillehaltige, vom Haze strapazierte, Stimme von Kamp liegt im Gehör wie kaum eine andere. Immernoch der verlässlichste Featuregast. Seit dem Klassiker “V.O.Z.” mit Edelproduzent Whizz Vienna kam kein schlechter Part mehr vom Mann, der auch kürzlich erst reichlich Eindruck in Berlin bei Prinz Pi machte. Nun ist der Kamp-Part leider vorbei und das “Love vs. Hate”-Sample ertönt, wie übrigens auch der Song selbst heißt. Aber kein Grund zur Traurigkeit, denn KAAS hat gleich noch den neuesten Künstler des “Four Music”-Rosters mit an Bord – die Rede ist natürlich vom most hyped Artist Deutschlands – Casper! Noch kaputtere Stimme, die Qualität bleibt jedoch erhalten. Das einzig negative am Track ist wohl, dass KAAS, der den letzten Part abbekam, gegen die zwei Koryphäen fast ein wenig blass aussieht. Aber genau das habe ich mir vom Rapteil erwartet – Boom Bap wie er sein soll. An dieser Stelle Respektbekundungen in Richtung Whizz Vienna, der für diese Produktion verantwortlich war.

Nun nimmt das “Rap”-Versprechen langsam Fahrt auf, denn mit “Relax” ist es gelungen, ein extrem entspanntes Lied zu schaffen, das man getrost an einem sonnigen Sonnabend im Park hören darf. Die Voice-Samples aus Kool Savas’ vergangener Tage versetzen einen dann noch in’s gute, alte “Back in the days”-Feeling. Rap chillt dank KAAS im Park. Perfekt!
Neben den weiteren sehr gesangsbetonten Songs “Vergeben & Verzeihen” mit Doreen, welches wohl eindeutig ins Profil der GZSZ-Gucker passt, und “Mach dir keine Sorgen” mit Glasperlenspiel, in welchem die verstorbene Freundin ihrem Freund Mut zuspricht, sticht ein Remake eines literarischen Klassikers ins Auge. Schillers “Die Bürgschaft” dürfte einigen Lesern ein Begriff sein, “Crips, Bloods & Hollywood” wohl eher weniger. Dabei versuchte KAAS die Ballade ins L.A. der 90er zu transferieren und die Geschichte in neuem Glanze erscheinen zu lassen. Hallo liebe Pädagogen, vorzugsweise Deutschlehrer – HipHop ist dann doch nicht nur “Muttergeficke”.

Den Abschluss macht eine Kollabo mit Goldkehle Vasee“Rendezvous mit einem Engel” macht einmal mehr darauf aufmerksam, sein Leben zu schätzen und sich immer vor Augen zu halten, dass dieses nach eigenen Wünschen gelenkt werden kann.
An diversen Stellen fungiert die Rap-Platte “Liebe, Sex &…” als Substitution eines Therapeuten oder Psychologen. Wer die Welt nach der Platte noch hasst, kann eigentlich fast nur Soziopath sein.

Aber war da nun nicht auch noch eine zweite CD des Titels “Twilight Zone”? Ja, war sie. Das Genre “Eurodance”, das vor gut 15 Jahren die Tanzflächen der Diskotheken eroberte. Dieses Vorhaben von KAAS, eine solche Platte zu machen, stieß bei vielen Fans nicht gerade auf Begeisterung.
Was mir dazu zu sagen bleibt: ich finde das erfrischend cool. Dass es vielleicht schwer ist, Eurodance mit Message zu feiern, mag sein, aber die Idee war auf keinen Fall eine schlechte… Und wenn am Ende von “Der Chef Der Bank” ein Aristoteles-Zitat eingestreut wird, hat das irgendwie etwas so Unerwartetes, dass man es einfach feiern muss.
CD 2 ist auf den ersten Blick eine “Gute Laune”-CD. Bei genauerem Hinhören vergeht einem die Laune vielleicht – wohlgemerkt nicht bei allen Liedern – kann aber definitiv vorkommen.
KAAS x Eurodance? Diggedidope feiert.

(jb)

——

Im Auftrag für Playmuzikk.de.

10
Apr
11

Cutheta – Kopfnoten (Review)

2008 veröffentlichte Brisk Fingaz sein Produzentenalbum “Einzelkämpfer”, PhreQuincy kam mit “Ich kann’s mir leisten” und auch der Hamburger Monroe schmiss Ende 2009 “Movement” auf den Markt. Deren Paderborner Kollege Cutheta, bürgerlich Sebastian Stern, arbeitete nun auch seit Sommer 2008 bis vergangenen Winter an solch einer Compilation, einem Produceralbum oder wie man das nennen mag. Produzentenalben erinnern oft an Sampler, welche wiederum häufig mit zusammengewürfelten Tracks assoziiert werden. Die Alben der oben erwähnten Produzenten neigten aufgrund der verschiedenen Trackarten unter anderem ein wenig dazu, nicht in sich schlüssig zu sein. Genau das wollte Cutheta vermeiden, woraus auch der Klangteppich resultierte. Überwiegend nachdenkliche, melancholische Produktionen, versehen mit Live-Instrumenten, werden den Zuhörer hier erwarten. Und dazu kommt die hochprominente Gästeliste an Rappern. Eine Mischung aus gestandenen Künstlern à la Kool Savas oder Ercandize trifft auf die neue Generation aufstrebender Rapper, die auf Namen wie Vega, Liquit Walker oder MoTrip hört. Um das Lineup abzurunden, sind auch Newcomer wie Maxat & FiST oder Oneway vertreten. Der Appetit ist also da, aber was sind schon reine Fakten? Es geht schließlich um die Musik.

Und da liegt die Platte auch schon im Player und man wird von “Rattos Locos”-Mitglied boZ in seinen Bann gezogen. Eben jener Mann, der erst vor einigen Monaten mit seiner “Farben EP” auf sich aufmerksam machen konnte. Wenn man seinen musikalischen Weg nicht eh schon seit Jahren verfolgt und schon seit RBA-Zeiten auf ein Album des Deutsch-Paki wartet. Gewohnt authentisch weiß boZ hier zu überzeugen, dessen Stimme wohl sein markantestes Merkmal darstellen dürfte. Die erste Nummer der Platte fungiert als passendes Intro, boZ fesselt die Audienz und heizt den Appetit an, was nicht zuletzt auch an Cuthetas schöner Produktion liegt. Fans des deepen Straßenraps kommen hier voll auf ihre Kosten.

“Wir verdrängen die Vergangenheit, keiner weiß, was kommt/ wir hoffen auf bessere Zeiten, ich schreib ein’ Song/ ich schreib’ mir den Dreck von der Seele/ hör mich an Bruder – hörst du diesen Dreck in der Kehle?”

Die nächste Anspielstation reiht sich nun nicht nur chronologisch ein, sondern vielmehr auch qualitativ. Liquit Walker erzählt überraschend ehrlich, untermalt von melancholischen Gitarren- und Pianoklängen, was passiert, wenn er seine Augen schließt. Freunde der Nostalgie, aufgepasst!

“Man blickt eh zurück auf alles, was gewesen ist/ doch ich will lediglich Pläne hegen zum Weg in’s Glück”

“Wenn ich die Augen schließe” bleibt nach dem ersten Hördurchgang sofort im Gedächtnis, allerdings liegen noch weitere zwölf Lieder vor uns. Von Berlin nach Berlin – von Liquit Walker zu Damion Davis. Auch der sympathische Spokenview-Artist hatte mit “Hellwach” die Ehre, sich einen Platz auf Sebastian Sterns Album zu sichern. Gechillt, verschlafen… ca. wie Prenzlauer Straßen um 5 Uhr morgens – genau so hört sich der Song an. Damion Davis berichtet von Spaziergängen durch die Nacht anstatt zu schlafen und erzeugt eine dichte Atmosphäre. Wer kann, der kann. Er kann! Und das Gebiet beherrscht Animus auf “Deine Hand” ebenso. Generell fällt auf, dass die Garde der Musiker einen exorbitant hohen Anteil an Authentizität vorzuweisen hat – man nimmt ihnen jedes Wort ab. Definitiv ein Pluspunkt.
Der typische “Kopf hoch”-Song, den Azad seit Längerem bereits für sich gepachtet hat, allerdings steht der Heidelberger Löwe diesem auf eben angesprochenem Track thematisch in nichts nach. Wenn auch das Thema ein wenig verbraucht wirkt, wird hier – angefangen beim Beat bis hin zum Rap – gute Arbeit geleistet.
Und dann schlägt wieder einmal die Stunde des derzeit allseits gehypten MoTrip. Durch Auftritte auf den Soloalben von Kool Savas, JokA, Silla und Fler machte sich der Aachner allmählich einen Namen. Umso gespannter war ich auf seinen Song, welcher der erste ist, wo erstmals ein Featuregast eingreift. In diesem Falle liefert Moe Mitchell ein paar Vocals. Der erste Wehrmutstropfen fällt… MoTrip verliert sich teilweise in Phrasengedresche und ein weiterer “Gib nicht auf”-Song nach einem “Kopf hoch”-Song macht sich eben nicht ganz so gut. Blickt man darüber hinweg, verankert sich das Lied sehr gut im auditiven Gedächtnis, vorallem aufgrund der eingängigen Hook.

Beim nächsten Lied angelangt: “Moment mal, das Sample…” – ah richtig, MontanaMax, boZ und Chissmann hat man darauf schon hören können, ja sogar Migo hat das Ding schon benutzt. Egal, dann reihen sich Nabil M. und Manuellsen dort eben ein. Und das sehr schön. Wie Cutheta selbst im Booklet schreibt: “Dieser Pain in der Stimme”. Wo er auch Recht hat. Pottweilers Zugpferd liefert seinen vielleicht besten Part seit langem ab, so hat man den Mann ewig nicht mehr rappen hören.

“Wir haben gelernt zu fragem, bevor wir etwas nehmen/ deswegen hatten wir immer etwas Pech statt etwas Leben”

Nach Phreaky Flaves und Timecys guten Beiträgen, die allerdings nicht sonderlich herausragen wollen, ist man bei der neunten Anspielstation angelangt. Lemgos Boss of the Dorf Abroo ist “Einsam”. Ein wunderschöner Samplebeat gepaart mit den punktgenauen und treffend formulierten Zeilen des Ex-Buckwheats-Rappers, die auf den Beat prasseln wie Hagelkörner, formen das Rezept zu einer der gelungensten “Kopfnoten”. Und wo man schon bei gelungen ist, geht’s sofort weiter mit dem Adlerjungen aus Frankfurt. Vega, der auf “Musik” zusammen mit  Kool Savas und Ercandize die Schattenseiten ihres Berufes beleuchtet, liefert Material, das unter die Haut geht.

“Meine Musik, wo ein Leben dranhängt/ wo ein Jedermann ein Leben lang bei Regen dran denkt”

Und damit überrascht der Hesse rein gar nicht, denn man ist es nicht anders gewohnt von dem Mann, der 2009 mit seinem Album “[...] fast drei Länder [fickte]“. Nach Vegas Part und der Hook von Sängerin Lemonia leistet auch der King of Rap solide Arbeit und Ruhrpottking Erc rechnet mit der Musik ab, wobei er mit einigen Zeilen gefällt, wenn auch das lyrische Niveau hier nicht an Vegas heranreicht.

Abgeschlossen wird Cuthetas Projekt sowohl von Franky Kubrick in Kooperation mit Laas Unltd., Oneway mit gesanglicher Unterstützung von Cassandra Steen als auch von den Newcomern Maxat & FiST. Last but not least steppt der Braunschweiger Fabian Römer alias F.R. ans Mikro und verpasst dem Ganzen mit “Blind vor Glück” ein gutes Ende.

Das Siegertreppchen teilen sich, wie man bereits anfangs verzeichnen konnte, boZ, Liquit Walker, Abroo und Vega, die mit ihren Parts den nachhaltigsten Eindruck hinterließen. Dies ist auch die Hauptqualität von Cuthetas “Kopfnoten”. Die Ehrlichkeit und die Authentizität, die die genannten Künstler vermitteln und die sich durch die ganze Veröffentlichung ziehen, machen das Album zu etwas Besonderem. Und vielleicht ist gerade Sebastian Sterns Konzept eines solchen melancholischen Projekts der Schlüssel, welchen Monroe, Brisk Fingaz oder auch PhreQuincy nicht zu finden wussten. In der Pressemitteilung heißt es: “Ein Produzentenalbum zu veröffentlichen, das man ohne große Stilbrüche durchhören kann und das durch persönliche Texte und detailverliebte Beats einen besonderen Wiedererkennungswert bietet.” – sehr wahr.

Die Review spricht für sich, dennoch möchte ich zum Abschluss noch einmal explizit erwähnen, dass es sich hierbei um ein durchdachtes, mit Liebe geschustertes Album handelt. Innerhalb von zwei Jahren entstand eine runde, stringente Platte. Die Kaufempfehlung steckt unweigerlich in der Rezension, aber wer damit liebäugelt, sich demnächst CDs zu bestellen, kann “Kopfnoten” getrost mit in den Warenkorb packen. Ein Besuch bei Amazon, MZEE.com oder HHV.de ist ja heutzutage kein Weg mehr.

(jb) alias Diggedidope im Auftrag von www.playmuzikk.de

29
Dez
10

Maxat & FiST – Ohne Worte (Review)

Zugegebenermaßen habe ich mir das Kollaboalbum “Warum So Ernst?!” der beiden Rapper FiST & kay, wobei Zweiterer heutzutage besser unter dem Pseudonym kaynBock bekannt ist, damals eher wegen der wohlklingenden Featuregäste Casper & Kaas zugelegt und da die Hörproben nicht gänzlich wack klangen. War ein solides Album, das mich nachhaltig allerdings nicht ganz mitnehmen konnte. Zeit ist vergangen und der Rapper FiST kommt mit einem neuen Kollaboalbum um die Ecke. “Ohne Worte” erschien am 28. Dezember und der Kollaborationspartner heißt dieses Mal Maxat. Diesen könnte man von Optik Russia kennen oder von seinem ersten Album “Zu Viel Für Deutschland”.

Bei diesem Projekt zogen die beiden ohne prominente Featuregäste in die Schlacht. Neben einer gesampleten Casper- und einer Olli Banjo- Zeile, die als Hook im Track “Halt die Welt an” fungieren, ist die bekannteste Stimme wahrscheinlich Rockstah, der ja erst im November seine “Nerdrevolution” veröffentlichte und das harte Gangsterrapdeutschland in eine Nerdwelt umdekorierte.
Vielleicht bediene ich jetzt Klischees, wenn ich sage: schon beim ersten Track höre ich bei FiST eine eindeutige Steigerung im Vergleich zu damaligen Songs. Auf “Groß” kommt dessen Stimme weitaus routinierter zum Einsatz, als ich es gewohnt war und die Zeilen sitzen perfekt. Eine eingängige Hook macht absolut Lust auf das Release!
Gleich als zweite Anspielstation offenbart sich der erste Skit, von denen man im weiteren Verlauf der Tracklist noch zwei weitere vorfinden wird. Das Schmankerl: gesprochen vom kultigen Peilermann. Assoziiert man sicherlich mit Sido Releases, dem Wochenrückfick und so weiter. Na klingelt’s? Lustige Angelegenheit.
Der Titeltrack weiß auch zu gefallen. Das ist dann auch mal was für die Rapnerds und die HipHopheads, wenn die beiden Protagonisten auf “Ohne Worte” wilde Flowabfahrten liefern und wieder einmal mit einer halbgesungenen Ohrwurmhook auftrumpfen!
Vom einen Refrain zum nächsten: den Chorus von “Knutschen” könnte man sich mal merken, wenn es heißt “Fick mich, wenn ich falschliege, aber wollten wir beide nicht knutschen?”, wenn auch die Erfolgsquote beim weiblichen Geschlecht mit diesem wunderwirkenden Spruch doch nicht allzuhoch ausfallen dürfte. Kultiger Song – Humor haben sie also auch.
Unterstützung kommt u.a. von den Hamburgern Schlechte Menschen, alias Ahzumjot & P.r.z., mit denen man auf “Gut” ziemlichen Quatsch spittet, was ihnen jedoch vergönnt sei. Manchmal stimmt der Sound, da geht das schon klar. Auch in diesem Fall, wenn FiST “‘nen Hirn (?)  im Schwanz hat”.
Sprach ich bisher überwiegend die fröhlich klingenden, “Gute Laune”-Sachen an, existiert natürlich auch eine deepere Seite des Albums mit Tracks wie “Schwerelos”, “Halt die Welt an” oder “Frei”.

Besonders hervorheben möchte man da “Halt die Welt an”, welches ich schon im Eingangstext erwähnte. Die gesampleten Casper- und Banjo-Zeilen fügen sich wunderbar in den Track ein und dienen als passende Hook. Das ist mal die einfachere Methode große Namen auf seinem Album zu haben, ohne sie als Feature erwähnen zu müssen, auch wenn die Jungs mit Sicherheit exklusive Parts erhalten hätten können, wenn sie angefragt hätten. Wütend und aggressiv wird also die “Pokerbeats” -Produktion auseinandergenommen, während zwischen den Parts immer die Zeilen Caspers & Olli Banjos eingespielt werden. Perfekt.
Zum Abschluss des Albums, wie auch zum Abschluss dieser Review steht “Stripperin”. Ein ungewöhnliches Songthema, wenn Maxat & FIST über eben jene Damen rappen, die sich vor anderen Leuten ausziehen, aber hey: in den Rapgesetzen steht nirgends, dass dies verboten ist – absolute Themenfreiheit. Produziert von Sui Generis, der dem Track die bestimmte Atmosphäre verleiht und den Zuhörer fesselt.

Ein paar Sätze als Fazit? FiST & Maxat liefern ein rundes Werk ab, eine Verbesserung zu den Vorgängerreleases ist spürbar zu erkennen und es gibt für mich eigentlich nur einen Ausfall: “Hühnerkampf” will sich mir nicht ganz erschließen und bringt mich eher zum Skippen als zum Repeaten. Keiner der Featuregäste wirkt unnötig, angefangen bei Hardsoul, SherlokOne, den Schlechten Menschen über Rockstah, kaynBock, Julian King zu Phreaky Flave, I.G.O.R., Schokk und Wawjan – alle haben ihre Daseinsberechtigung. Die Produzenten Encore, Psaiko.Dino, Gee Futuristic, Bjet, Tikay One, Trigger Traxx, Sam EXzellent, Sui Generis & Pokerbeats liefern einen schönen, homogenen Soundteppich, der den Sprechgesangsartisten gut zu Gesichte steht. Seht das als Kaufempfehlung oder nicht – Maxat & FiST runden das HipHop-Jahr 2010 gelungen ab. Dafür, dass sie eine Art “Newcomer” für den breiteren HipHop-Konsumentenkreis darstellen, auf alle Fälle ein beeindruckendes Projekt, das mir doch sehr gut gefällt.

Mit dieser Review wünsche ich allen Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr. Ein kleiner Tipp – nehmt euch nicht so viel vor für 2011! Ihr werdet die Vorsätze sowieso nicht einhalten können ;)


Tracklist:

01. Groß
02. Ohne Worte heißt… (Skit – Peilerman)
03. Ohne Worte
04. Hühnerkampf
05. Parkplatz (feat. SherlokOne & Hardsoul)
06. Knutschen
07. Sex mit mir
08. Bahnsteig (Skit – Peilerman)
09. Interessiert mich [ ] interessiert mich nicht [X]
10. Gut (feat. Schlechte Menschen)
11. Arroganz hoch 10 (feat. Rockstah)
12. K.O.Misch (feat. kaynBock)
13. Schwerelos (feat. Julian king)
14. Scheiß auf die Vergangenheit (feat. Phreaky Flave)
15. FREI (feat. Schokk & I.G.O.R.)
16. Schau sie an (feat. Wawjan)
17. Stripperin
18. Halt die Welt an
19. Outro (Skit – Peilerman)

Maxat & FiST bei Facebook, Twitter & Myspace:

http://twitter.com/maxat33
http://twitter.com/fzudemist
http://www.facebook.com/pages/MAXAT/140196371563
http://www.facebook.com/fistmusic
http://www.myspace.com/maxatmusic
http://www.myspace.com/fzudemist

“Ohne Worte” kaufen

23
Okt
10

The Plot & Dirty Sánchez – Freunde des schlechten Geschmacks (Review)

Rock meets Rap. Diese Idee hatte Olli Banjo beispielsweise auch schon – mit der Band “Dein Freund” droppte dieser bis heute jedoch noch kein Album.
Die Düsseldorfer Rappergruppe The Plot und die Band Dirty Sánchez nahm das Heft jetzt in die Hand und machten sich gemeinsam an solch ein Crossover-Projekt.
Dabei kam das Album “Freunde des schlechten Geschmacks” zustande, das mit 12 Songs um die Ecke kommt, auf denen The Plot von Sorgenkind & Liza Li unterstützt wird.

Vorweg ist gleich eines zu sagen: die beiden Rapper Elmäx und Jacques verstehen ihr Handwerk, auch wenn sie auf Flowabfahrten verzichten und keine Tripplerhymeketten
eines Kollegahs vorzuweisen haben. Braucht es auch nicht, denn auf den erfrischenden rockigen Beats wissen die beiden auch so zu überzeugen.
“Wollt ihr die Drums? Wollt ihr den Bass? Und die Gitarre?” – Auf jeden Fall! Das Intro macht seine Aufgabe nahezu perfekt. Stimmt den Zuhörer ein und macht Lust auf mehr!
So muss das… und weiter geht’s sofort mit dem Titeltrack “Freunde des schlechten Geschmacks”, der an das Intro auch qualitativ anschließt.
Schnellgerappte Parts und eine eingängige Hook. Glaubt mir. Danach seid ihr auch Freunde des schlechten Geschmacks, denn die Hook frisst sich zweifelsohne in euer auditives Gedächtnis.

In anderen Anspielstationen fressen die Düsseldorfer dann mal eben Indierocksänger (“Ich fresse einen Indierocksänger”), die Mediengesellschaft kassiert eine Schelte (“Medienpint” mit Liza Li),
oder es wird eine lustige Geschichte über 2 anspruchslose Kerle erzählt, die alles Weibliche klären, was nur so rumläuft (“Harald & Rolf“).

Das andere der beiden Features, Sorgenkind, liefert auf dem etwas pubertären “Aussicht” eine schöne Hook ab, worauf Jacques und Elmäx über ihre Vorliebe zu den zwei weiblichen Ründungen unterhalb des Halses berichten. Kann man sich wohl mit identifizieren, mag wohl jeder.
“Party als ob” fungiert als stumpfer Abgehtrack, der ebenso von den Atzen kommen könnte – eine recht unkreative Hook – aber scheint ja zu oft zu funktionieren. Sowohl bei den Atzen als auch bei The Plot!

Abgeschlossen wird das Album mit dem nachdenklicheren Beziehungstrack “Sie sagt”, der die permanente Angst vor Fehlern in einer Beziehung behandelt. Runder Abschluss!

Zusammenfassend betrachtet lässt sich sagen, dass The Plot & Dirty Sánchez ein schönes Gesamtprodukt geschaffen haben und mit “Freunde des schlechten Geschmacks” einen positiven Eindruck hinterlassen konnten. Da darf man gespannt sein auf weitere Releases der Rheinländer – bis dahin sind wir alle “Freunde des schlechten Geschmacks”.

 

Tracklist:

 

  1. Intro
  2. Freunde des schlechten Geschmacks
  3. Schrauben
  4. Ich fresse einen Indierocksänger
  5. Medienpint (inklusive Liza Li)
  6. Harald & Rolf
  7. Keep Runnin’
  8. Aussicht (inklusive Sorgenkind)
  9. Party als ob
  10. Valentina
  11. In einem Zug
  12. Sie sagt

Bestells dir u.a. hier:

02
Okt
10

Vega – Die Wahrheit ist hässlich (Review)

In Frankfurt laufen Dinge anders… das wissen wir. Da bringt ein BOZZ-Music Künstler ein Album heraus und die Leute laden es an die 1,6 Mio. mal, aber keiner kauft es.
Ganz klar. Dann gibt’s da aber ja nicht nur Bozz-Music… wobei, die gibt es ja schon gar nicht mehr, denn die Labelschließung liegt ja jetzt schon ein wenig zurück.
Das Label Butterfly Music existiert ja nebenbei auch noch… ach nee, die gibt es ja auch nicht mehr. Denn da war ja dieser Klinch zwischen dem Adlerjungen Vega und dessen Hausproduzenten M1x (Emonex), woraus ein Streit um Namensrechte resultiert etc. pp.
Ja man sieht schon, in Frankfurt ist was los und die Dinge laufen dort anders. Eben jener genannte Adlerjunge mit dem Namen Vega veröffentlichte nun am 30. September seine neue EP – kostenlos.
Fünf Tracks für lau mit Features von Crewmitglied Olson Rough, Tareq und Marc Reis (formerly known as Sprachtot). Die Produktionen sind Brisk Fingaz, Sinch, Ken Kenay, Cristal & natürlich Johnny Pepp zuzuschreiben, der wieder einmal für das Intro verantwortlich war. Den Download findet ihr hier.

Zurückerinnert an alte Intros wie das vom Kollaboalbum “Deutsche Probleme” mit Separate, der Erst-EP “Adlerjunge” oder dem Debütalbum “Lieber bleib ich broke” hatte man gewisse Erwartungen an das der neuen EP “Die Wahrheit ist hässlich”.
Erstmals hört man Vega auf einem Intro nicht wild über monströse Beats spitten, sondern nachdenklich und fast philosophisch über einen ruhigen Pianobeat.

“Und das erste, worauf ich scheiße, ist das Game – denn schlimmer als blind zu sein, ist als Einziger zu sehen”

Sofort die Gänsehaut erzeugt… das ist, was Vega schon immer ausmacht. Er schafft es den Hörer mit seiner Stimme wahrhaftig in den Bann zu ziehen.
In diversen Foren wird “V” desöfteren fehlende Themendiversität vorgeworfen. Wozu sollte er denn etwas anderes berichten, wenn er sein Handwerk doch so perfekt beherrscht?

Im zweiten und zugleich dem Titeltrack wird es dann etwas abrechnend. Die Szene kriegt (erneut auf einer Johnny Pepp Produktion) ihr Fett weg.

“Sie sagen ‘Hiphop ist tot’, doch wo wart ihr, als das Lehmhaus zu Boden fiel?! Dis ist Mucke für die 10.000 ohne Deal!”

Offensichtlich genervt vom “deutschen Rapgame” beweist sich Vega als Texter, der die Dinge passend auf den Punkt bringt und dabei keinesfalls plump wirkt. Die Wahrheit ist nunmal hässlich!

Dann gibt es da ja noch den dritten Track, mit diesem ominösen Featuregast namens Olson Rough. Seit dem Signing des eben Genannten auf Butterfly Music warten die Anhänger auf ein Feature des Adlerjungen und des Rudeboys.
Und da ist es nun endlich. Der Song scheint auch topaktuell zu sein, da dieser das Thema der Schnelligkeit des Lebens behandelt. Na klingelt’s? Von heute auf morgen der Streit mit dem eigenen Labelmitgründer und die anschließende Trennung.

Olson verarbeitet das auch sofort im Text:

“Dreh ein Paar Runden durch die Straßen und den Sweater auf links/ wär nur ein Grund für sie zu fragen, dieser Schmetterlingsprint/ auf diesem Hoodie, den ich trage – das ist alles gar unbedeutend/ fühl mich so angestarrt unter Leuten”

Diese banalen Sätze so interessant rüberzubringen, diese Banalität in Reime zu verpacken, ist meines Erachtens nach, eine der größten Stärken Olson Roughs. Ein Grund, sich auf das lang herbeigesehnte große erste Soloalbum zu freuen. Im Frühjahr soll es soweit sein.
Vega hat auf dem Track die Nase zwar etwas vorn, aber insgesamt ein schöner Track.

Das nächste Feature heißt Marc Reis, den man wohl eher unter dem Pseudonym Sprachtot kennt. “Schreib die Zeit zurück” – unglaubliche Minute Gänsehaut, dieser Vega Part.

“Und dann begreife ich, der leise Wind zerfrisst… diese Zeit ist nicht vorbei, Jungs – ich schreibe sie zurück. Schreib’ den Lindenbaum erst herbstbraun, saftrot und schneebedeckt. Schreib’ den Ernst raus, den Hass tot, die Regeln weg!”

Marc Reis fällt auf dem Track leider stark ab, dessen Flow auf dem Track einfach zu langweilig und beschränkt ist. Da muss einfach mehr kommen, wenn man den zweiten Part auf einem Track mit Vega auszufüllen hat.

Angelangt beim letzten Tracktitel “Die Frau, die die Sterne macht” mit Sänger Tareq in der Hook fragt man sich dann schon: Was? Plätzchenbäckerin? Die Traumfrau? Aber nee, die Mutter.
Ganz einfach, hat man so vielleicht auch nicht erwartet, obwohl das Thema ja mehr als das Klischee von Deutschrap erfüllt.
Da kann man allerdings auch erwarten, dass V keinen plumpen “Mama”-Track auf die Beine gestellt hat, sondern mal wieder mit seinen Stärken glänzt.
Es kommt einem kaum ein anderer in den Sinn, der so dermaßen bildlich schreibt.

“Und ich leb krank, bin verwirrt – doch du sollst wissen: ich steh vor dir wie ein Junge, doch wie zehn Mann hinter dir!”

Wer bei solchen Lines keine Empathie entwickelt, ist wohl ein Soziopath Schrägstrich Hollywood Hank – Hörer. Nichts gegen Holly.

Das war nun ein kleines Track by Track – Urteil der neuen Vega EP “Die Wahrheit ist hässlich”. Abschließend lässt sich wohl sagen, dass
dieser Vega da fünf hochwertige Songs geschaffen hat, welche sich mit ein paar Extrasongs locker verkaufen hätten lassen.
Bis Frühjahr 2011, wenn der “Lieber bleib ich broke” Nachfolger erscheinen soll, hat man nun also wieder Überbrückungsmusik.

Bis dahin, viel Spaß mit dem Ding und immer schön diggedidope bleiben, ihr wisst.

diggedidope

(jb)

22
Aug
10

Marteria – Zum Glück In Die Zukunft (Review)

Marteria – ein Name, der derzeit in den Medien enorm gepusht wird. Bei MTV jeden Tag im Rahmen der “All Eyes On…”-Reihe zu sehen, der Hit “Verstrahlt (mit Yasha) läuft in den Zimmern ganz Deutschlands hoch und runter und auch die etwas offeneren Radiosender scheinen die Single desöfteren zu spielen. Das Soloalbum “Zum Glück In Die Zukunft” erschien nun vergangenen Freitag endlich. Und wenn ich “endlich” sage, meine ich “endlich”. Denn die Platte ist seit sage und schreibe anderthalb Jahren bei Amazon vorbestellbar. Anderthalb Jahre.
Marteria selbst hält es nämlich eher à la “Gut Ding will Weile haben”. So entstand ein Teil der Platte beispielsweise in Dänemark oder in Miss Platnums Heimat Rumänien in enger Zusammenarbeit mit Peter Fox’ Hitproduzentenduo “The Krauts”. Berlin ist “einfach zu hektisch”, da liegt es nahe, dem Alltag in fremde Gefilde zu entfliehen.

Der Opener des Albums “Endboss” macht sofort klar: hier handelt es sich um keinen gewöhnlichen Musiker, der einfach die Klischees eines Rappers erfüllt. Man darf nicht vergessen: Marten Laciny aka Marteria kommt immer noch aus dem Gebiet des deutschen Raps. Der Aspekt ist mir persönlich wichtig, da deutschem Rap in der Öffentlichkeit oft ein schlechtes Bild aufgezwungen wird. So ist der Track eine Autobiographie in Videospiel-Manier, der den Hörern Einblicke in den bisherigen Werdegang des Rostockers blicken lässt.

“Ich spring von Level zu Level zu Level bis der Endboss kommt!”

Bei Hansa Rostock und in der u17-Nationalmannschaft unter Horst Hrubesch Fußballspieler, danach der Amerika Trip im Rahmen seines Modelengagements für Hugo Boss oder Diesel und letztendlich zurück in Deutschland, um sein Rapding durchzuziehen.

Die Tage wurde mir öfter die Frage gestellt, was denn “verstrahlt” überhaupt bedeutet. Aber wie soll ich ein Rätsel entschlüsseln, das Marteria nicht einmal selbst lösen kann. Der Interpretationsfreiraum ist groß und führt von “betrunken” über “high” bis zu “verliebt”. Aber sind wir doch mal ehrlich? Egal, was es bedeutet – da hat man eine massentaugliche Single erschaffen, deren Chorus sich auch gerade auf Grund Yashas Gesang tief in den Gehörgängen verankert.

Dass es der Rostocker mit Wortspielen hat, hat man schon 2005 auf dem Album “Halloziehnation” seines AKAs Marsimoto gesehen. So reiht sich “Amys Weinhaus” perfekt in die Reihe seiner Tracks, mit Wortspielen versehener Titel, ein. Aber was auf dem Track geboten wird, ist viel mehr als ein Wortspiel im Titel. Es wird sich mit gescheiterten Charakteren auseinandergesetzt, sei es der Vater, der nicht mit der homosexuellen Orientierung seines Sohnes klar kommt oder der Junge, der mit Exklusion zu kämpfen hat. Kein Problem, denn in Amys Weinhaus darf man alles sein und du darfst sogar weinen bei Amy.

Was auf “Du willst streiten” beschrieben wird, kennt man vielleicht aus der ein oder anderen Beziehung selbst. Der weibliche Part nervt jeden Tag, und es kommt einem oft so vor, als wär er grundlos auf Streit aus. Jeden Tag dasselbe.

“Du bist voll auf Salat gegen den Speck auf dein’ Rippen/ doch klaust Reste von mei’m Teller und die Hälfte von mein’ Fritten”

Und plötzlich geht’s einem super: die Bassline auf “Wie mach ich dir das klar?”, welches Jan Delay featured, brettert aus der Anlage! Auf einem basslastigen Beat werden Wege gesucht, bestimmte Hiobsbotschaften zu überbringen. Ob es sich jetzt um den überfahrenen Hund dreht oder, dass der Gegenüber eigentlich adoptiert ist.

Was auch total auffällt, ist das großartige “Kate Moskau”. Jaja, Wortspiele im Titel hatten wir ja schon, aber da passt einfach alles.

“Love is in the air, lass es rollen – Rrrrr Rrrrr!”

Der Beat rollt wie 189 Dampfwalzen – ähnlich dem Akzent von Kate Moskau. Eine reiche Russin, die es sich ordentlich gut gehen lässt, bis die Firma des Vaters in chinesische Hände gelangt. Schade.

Das Casper-Feature “Alles verboten” zählt dann nochmal Sachen auf, die eigentlich jedermann für uncool und verboten erklärt, man sich aber dennoch oft dabei selbst erwischt, genau jene Dinge auszuüben. “Alles verboten, trotzdem machen” heißt es in der Hook und Caspers Part weiß reimtechnisch sehr zu gefallen!

“Batterien stehlen aus Alarmanlagen/ Festivalbändchen von vor Jahren an den Armen tragen”

Das Ende der Platte setzt sich aus dem ruhigen, narkotischwirkenden “Veronal (mit Miss Platnum), “Seit dem Tag als Michael Jackson starb” und dem eingängigen “Sekundenschlaf (mit P. Fox) zusammen. Seit dem Tag als Michael Jackson starb dreht sich die Welt zwar weiter, aber die Erde ist nicht mehr zu retten. Jeden Tag dasselbe – “Geld, Sex, Lügen. Und wenn’s dir schwer fällt die Welt zu lieben, geh einfach vor den Spiegel Moonwalk üben” und mach’s wie Marteria in der Entstehungsphase des Albums – flieh in fremde Gefilde und lass die Erde hinter dir.

Ein rundum in sich stimmiges und rundes Werk, was der Wahlberliner Marten Laciny da abgeliefert hat. Die 2 Jahre haben Früchte getragen! Das merkt man von den Beats bis hin zu den Texten.  Zehn Euro beim Müller für die 2CD-Version mit allen Instrumentals und 3 Bonustracks sprechen ohnehin für sich. Wohl bekomm’s, zum Glück in die Zukunft!

diggedidope (jb)





Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 482 other followers